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ETF-Entnahmeplan4-Prozent-Regel3-Prozent-RegelFinanzielle FreiheitETF-RenteLukas Berg, FinanzanalystAktualisiert: 10. Juli 2026

3-Prozent-Regel vs. 4-Prozent-Regel: welche Entnahme ist realistischer?

3-Prozent-Regel vs. 4-Prozent-Regel: ETF-Entnahmen realistisch planen, Steuern einrechnen und dein Zieldepot mit Sicherheitsabstand für 30+ Jahre bestimmen.

3-Prozent-Regel vs. 4-Prozent-Regel: welche Entnahme ist realistischer?

Die 4-Prozent-Regel klingt verführerisch einfach: Du nimmst im ersten Jahr 4 Prozent deines Depots heraus, passt den Betrag später an die Inflation an und dein Geld soll rund 30 Jahre reichen. Die 3-Prozent-Regel klingt dagegen wie die vorsichtige Schwester: weniger Entnahme, mehr Reserve, mehr Ruhe. Aber welche Regel ist für dich als ETF-Sparer realistischer?

Die ehrliche Antwort: Keine der beiden Regeln ist ein Naturgesetz. Beide sind Daumenregeln aus historischen Kapitalmarktdaten. Sie helfen dir, eine Größenordnung für dein Zieldepot und deinen Entnahmeplan zu finden. Sie ersetzen aber keine laufende Kontrolle, keine Steuerplanung und keine flexible Ausgabenstrategie.

In diesem Artikel zeige ich dir, wie du 3 Prozent und 4 Prozent praktisch vergleichst, welche Depotgrößen dahinterstehen, wie Steuern in Deutschland die Rechnung verändern und warum eine starre Entnahmequote oft weniger wichtig ist als ein robuster Plan für schlechte Börsenjahre.

👉 Rechner-Tipp: Wenn du noch in der Ansparphase bist, teste deine Zielsumme direkt mit dem ETF-Sparplan-Rechner. Entscheidend ist nicht nur die Entnahmequote, sondern ob deine Sparrate realistisch zu deinem Zieldepot passt.

Kurzfassung: 3 Prozent ist nicht automatisch besser, 4 Prozent nicht automatisch riskant

Die 4-Prozent-Regel stammt aus Untersuchungen zu historischen US-Portfolios. Bekannt wurde sie durch William Bengen und die später viel zitierte Trinity-Study. Der Kern: Bei einem breit gestreuten Portfolio aus Aktien und Anleihen hätte eine anfängliche Entnahme von etwa 4 Prozent in vielen historischen 30-Jahres-Zeiträumen gehalten, wenn die Entnahme danach jährlich inflationsangepasst wurde.

Die 3-Prozent-Regel ist keine ebenso berühmte Originalformel, sondern eine konservativere Ableitung. Sie reduziert den Startbetrag um ein Viertel. Das kann sinnvoll sein, wenn deine Entnahmephase deutlich länger als 30 Jahre dauern soll, wenn du fast ausschließlich Aktien-ETFs nutzt, wenn du wenig Flexibilität bei Ausgaben hast oder wenn du nicht vom US-Aktienmarkt als Hauptdatenbasis ausgehen möchtest.

Der wichtigste Unterschied ist deshalb nicht philosophisch, sondern praktisch:

  • 4 Prozent bedeuten mehr Start-Einkommen aus demselben Depot, aber weniger Sicherheitsabstand.
  • 3 Prozent bedeuten ein größeres Zieldepot für denselben Lebensstandard, aber mehr Puffer gegen schlechte Startjahre.
  • Eine flexible Strategie kann oft besser sein als eine starre Quote, weil du in schwachen Marktphasen weniger entnimmst und in guten Jahren normal bleibst.

Was die 4-Prozent-Regel wirklich sagt

Viele verstehen die 4-Prozent-Regel falsch. Sie bedeutet nicht: „Du darfst jedes Jahr 4 Prozent des aktuellen Depotwerts ausgeben.“ Die klassische Regel meint: Du entnimmst im ersten Jahr 4 Prozent des Startdepots. Danach erhöhst du diesen Euro-Betrag jährlich um die Inflation, unabhängig davon, ob das Depot gestiegen oder gefallen ist.

Beispiel: Du startest mit 1.000.000 Euro Depotwert. 4 Prozent davon sind 40.000 Euro im ersten Jahr, also 3.333 Euro brutto pro Monat. Wenn die Inflation im nächsten Jahr 2 Prozent beträgt, würdest du 40.800 Euro entnehmen, auch wenn das Depot zwischenzeitlich auf 850.000 Euro gefallen ist.

Genau dieser Mechanismus macht die Regel komfortabel, aber auch riskant. Sie schützt deinen Lebensstandard, belastet das Depot in Crashphasen aber stark. Besonders gefährlich ist die sogenannte Sequence-of-Returns-Risiko: Wenn direkt zu Beginn der Entnahmephase mehrere schwache Börsenjahre kommen, verkaufst du viele ETF-Anteile zu niedrigen Kursen. Spätere Erholungen helfen dann weniger, weil weniger Kapital übrig ist.

Für deutsche ETF-Anleger kommt hinzu: Die historischen Studien beziehen sich meist auf US-Daten, US-Inflation, US-Steuern und bestimmte Aktien-Anleihen-Mischungen. Ein deutsches Depot aus MSCI World, FTSE All-World, Geldmarkt-ETF und Tagesgeld ist ähnlich gedacht, aber nicht identisch.

Was die 3-Prozent-Regel verändert

Die 3-Prozent-Regel senkt die anfängliche Entnahme. Bei 1.000.000 Euro Depot sind das 30.000 Euro brutto pro Jahr statt 40.000 Euro. Das klingt nur nach einem Prozentpunkt Unterschied, ist aber relativ betrachtet 25 Prozent weniger Entnahme.

Dieser Puffer wirkt an drei Stellen:

  1. Schlechte Startjahre schaden weniger, weil du weniger Anteile verkaufen musst.
  2. Lange Entnahmephasen werden realistischer, etwa wenn du mit 50 oder 55 Jahren auf Teilzeit, Coast-FIRE oder Entnahmeplanung setzt.
  3. Steuern und Kosten lassen sich leichter auffangen, weil nicht jeder Euro aus dem Depot sofort verplant ist.

Der Preis ist klar: Du brauchst für denselben Brutto-Auszahlungsbetrag ein deutlich höheres Depot. 40.000 Euro brutto pro Jahr entsprechen bei 4 Prozent rund 1.000.000 Euro Zieldepot. Bei 3 Prozent brauchst du für dieselben 40.000 Euro rund 1.333.000 Euro. Das sind 333.000 Euro Unterschied.

Tabelle: So viel Depot brauchst du bei 3 Prozent und 4 Prozent

Gewünschte Brutto-Entnahme pro JahrBrutto pro MonatDepot bei 4 %Depot bei 3 %Unterschied
24.000 €2.000 €600.000 €800.000 €200.000 €
30.000 €2.500 €750.000 €1.000.000 €250.000 €
36.000 €3.000 €900.000 €1.200.000 €300.000 €
48.000 €4.000 €1.200.000 €1.600.000 €400.000 €

Diese Tabelle zeigt die wichtigste Wahrheit: Die Entnahmequote ist ein Hebel für dein Zieldepot. Je vorsichtiger du entnimmst, desto länger musst du sparen oder desto niedriger müssen deine Ausgaben sein.

Wenn du aktuell 500 Euro pro Monat investierst und mit 8 Prozent historischer Jahresrendite rechnest, ergibt die in diesem Blog verwendete monatliche nachschüssige Rechnung nach 20 Jahren ungefähr 294.000 Euro Endkapital bei 120.000 Euro Einzahlungen. Das ist stark, reicht aber noch nicht für eine vollständige ETF-Rente nach 3- oder 4-Prozent-Regel. Es kann aber ein großer Baustein für Zusatzrente, Teilzeit oder frühere finanzielle Freiheit sein.

👉 Praxis-Schritt: Rechne im ETF-Sparplan-Rechner nicht nur dein Endkapital aus. Teile das Ergebnis danach durch 25 und durch 33,3. So bekommst du grob deine 4-Prozent- und 3-Prozent-Jahresentnahme.

Netto ist wichtiger als brutto: Steuern auf ETF-Entnahmen

In Deutschland wird nicht die gesamte Entnahme besteuert. Wenn du ETF-Anteile verkaufst, besteht der Verkaufserlös aus eingezahltem Kapital und Gewinnanteil. Besteuert wird nur der Gewinnanteil. Bei Aktien-ETFs greift zusätzlich die Teilfreistellung: 30 Prozent der Erträge bleiben steuerfrei. Auf den verbleibenden steuerpflichtigen Teil fallen Kapitalertragsteuer und Solidaritätszuschlag an: 25 Prozent plus 5,5 Prozent Soli, zusammen 26,375 Prozent. Effektiv ergibt das bei Aktien-ETFs auf den Ertrag nach Teilfreistellung 18,4625 Prozent.

Der Sparerpauschbetrag liegt seit 2023 bei 1.000 Euro pro Person. Er kann einen Teil der steuerpflichtigen Kapitalerträge abdecken, ist bei größeren Entnahmeplänen aber meist nur ein kleiner Baustein.

Eine vereinfachte Beispielrechnung hilft:

  • Depot: 1.000.000 Euro
  • Entnahme nach 4-Prozent-Regel: 40.000 Euro brutto pro Jahr
  • Angenommener Gewinnanteil in den verkauften Anteilen: 50 Prozent
  • Davon bei Aktien-ETF steuerpflichtig nach Teilfreistellung: 70 Prozent
  • Steuer auf den steuerpflichtigen Gewinn: 26,375 Prozent

Dann beträgt die Steuer grob 40.000 € × 50 % × 70 % × 26,375 % = 3.692,50 €. Netto bleiben 36.307,50 Euro, also rund 3.026 Euro pro Monat. Das ist keine persönliche Steuerberatung, aber es zeigt: Brutto-Entnahme und Netto-Budget sind nicht dasselbe.

Netto-Ziel rückwärts rechnen

Wenn du 2.500 Euro netto pro Monat aus dem Depot möchtest, brauchst du bei der obigen vereinfachten Steuerannahme etwa 33.051 Euro brutto pro Jahr. Daraus folgen ungefähr:

Netto-Ziel pro MonatBenötigte Brutto-Entnahme pro JahrDepot bei 4 %Depot bei 3 %
2.000 €ca. 26.441 €ca. 661.000 €ca. 881.000 €
2.500 €ca. 33.051 €ca. 826.000 €ca. 1.102.000 €
3.000 €ca. 39.661 €ca. 992.000 €ca. 1.322.000 €
4.000 €ca. 52.882 €ca. 1.322.000 €ca. 1.763.000 €

Die Tabelle nutzt bewusst eine vereinfachte Annahme: 50 Prozent der verkauften Anteile sind Gewinn, 30 Prozent Teilfreistellung für Aktien-ETFs, 26,375 Prozent Kapitalertragsteuer inklusive Solidaritätszuschlag. In der Realität hängt der Gewinnanteil von deinem Kaufzeitpunkt, deiner Rendite, deinen Ausschüttungen, Vorabpauschalen, Depotumschichtungen und deinem Freistellungsauftrag ab.

Trotzdem ist die Richtung wertvoll: Wenn du von einer 4-Prozent-Regel auf eine 3-Prozent-Regel wechselst, steigt dein Zieldepot für dasselbe Nettoziel um rund ein Drittel.

Wann 4 Prozent realistisch sein können

Die 4-Prozent-Regel kann für dich passend sein, wenn mehrere Bedingungen erfüllt sind:

Du planst eher 25 bis 30 Jahre Entnahmephase

Wer mit 67 startet, gesetzliche Rente bekommt und das ETF-Depot als Ergänzung nutzt, hat eine andere Ausgangslage als jemand, der mit 45 vollständig vom Depot leben möchte. Je kürzer die geplante Entnahmephase und je mehr andere Einkommen vorhanden sind, desto eher kann eine höhere Quote tragbar sein.

Du bist flexibel bei Ausgaben

Die klassische 4-Prozent-Regel ist starr. In der Praxis kannst du sie intelligenter nutzen: In Crashjahren senkst du freiwillige Ausgaben, verschiebst große Anschaffungen oder nimmst weniger Inflationsanpassung. Schon kleine Anpassungen können das Risiko deutlich reduzieren.

Du hast Cash- oder Geldmarktpuffer

Ein bis drei Jahresausgaben in Tagesgeld, Geldmarkt-ETF oder kurzlaufenden sicheren Bausteinen können helfen, Aktien-ETF-Verkäufe in Crashphasen zu reduzieren. Das senkt nicht jedes Risiko, aber es nimmt Druck aus der Entnahme.

Du rechnest konservativ mit Renditen

Historische Weltaktienrenditen waren langfristig stark. Laut den im Projekt genutzten Referenzwerten lag ein MSCI-World-Sparplan über 30 Jahre historisch im Durchschnitt bei etwa 7,9 Prozent p.a.; vergangene Renditen sind aber keine Garantie. Für Entnahmeplanung ist es sinnvoll, nicht mit dem optimistischsten Szenario zu rechnen.

Wann 3 Prozent sinnvoller sind

Die 3-Prozent-Regel ist besonders interessant, wenn du einen sehr langen Zeitraum absichern willst oder wenig Spielraum bei Ausgaben hast.

Früher Ruhestand oder sehr lange Laufzeit

Wenn du mit 50 oder 55 Jahren auf Depotentnahmen setzt, sind 30 Jahre vielleicht nicht genug. Dann kann die Entnahmephase 40 Jahre oder länger dauern. Eine niedrigere Startquote reduziert das Risiko, dass ein schlechter Kapitalmarktzyklus am Anfang den Plan zerstört.

Sehr aktienlastiges Portfolio

Ein 100-Prozent-Aktienportfolio kann langfristig hohe Renditen liefern, schwankt aber stark. Wenn du in einer Krise verkaufen musst, kann die Entnahmequote schnell unangenehm hoch werden. 3 Prozent geben mehr Luft.

Keine oder geringe gesetzliche Rente

Selbstständige, Auswanderer oder Menschen mit lückenhaften Rentenbiografien können weniger Sicherheitsnetz haben. Dann ist ein defensiverer Entnahmeplan sinnvoll.

Psychologische Ruhe

Viele Anleger unterschätzen, wie schwer es ist, im Crash Anteile zu verkaufen. Wenn eine niedrigere Quote dafür sorgt, dass du deinen Plan durchhältst, ist sie nicht „zu konservativ“, sondern praktisch wertvoll.

Die bessere Lösung: dynamische Entnahme statt Dogma

Statt 3 Prozent oder 4 Prozent als starre Wahrheit zu behandeln, kannst du eine dynamische Strategie verwenden. Ein Beispiel:

  • Starte mit 3,5 Prozent deines Depots.
  • Lege eine Untergrenze für notwendige Ausgaben fest.
  • Erhöhe Entnahmen nur vollständig mit Inflation, wenn das Depot nicht stark gefallen ist.
  • Verzichte in schlechten Jahren auf größere Sonderausgaben.
  • Prüfe jährlich, ob deine Entnahmequote bezogen auf den aktuellen Depotwert noch vernünftig ist.

Angenommen, du startest mit 1.000.000 Euro und entnimmst 35.000 Euro brutto. Fällt das Depot im ersten Jahr auf 800.000 Euro, läge dieselbe Entnahme plötzlich bei 4,375 Prozent des aktuellen Depotwerts. Das ist ein Warnsignal. Steigt das Depot auf 1.150.000 Euro, sind 35.000 Euro nur noch 3,04 Prozent. Dann hast du mehr Spielraum.

Eine einfache Ampel kann helfen:

Aktuelle Entnahmequote bezogen auf DepotwertInterpretationMögliche Reaktion
unter 3 %sehr defensivnormal entnehmen, Sonderausgaben prüfen
3 % bis 4 %moderatPlan beibehalten, jährlich prüfen
4 % bis 5 %angespanntInflationsanpassung reduzieren, Kosten prüfen
über 5 %riskantEntnahme senken, Einnahmen/Puffer nutzen

Portfolio-Struktur: Entnahme ist mehr als Prozentrechnung

Die Entnahmequote ist nur eine Seite. Die andere ist dein Portfolio. Ein breit gestreuter Welt-ETF wie der Vanguard FTSE All-World Accumulating (VWCE, ISIN IE00BK5BQT80, TER 0,19 Prozent) oder ein MSCI-World-ETF wie der iShares Core MSCI World (ISIN IE00B4L5Y983, TER 0,20 Prozent) kann der Aktienkern sein. Aber Entnahmeplanung braucht zusätzlich Liquidität und Risikosteuerung.

Viele Anleger arbeiten mit einem Drei-Töpfe-Modell:

  1. Liquiditätstopf: Tagesgeld oder Geldmarkt für 6 bis 24 Monate Ausgaben.
  2. Stabilitätstopf: Kurzlaufende Anleihen, Geldmarkt-ETF oder risikoarme Bausteine für mehrere Jahre.
  3. Wachstumstopf: Weltweite Aktien-ETFs für langfristige Rendite.

Das Ziel ist nicht, Verluste zu vermeiden. Das Ziel ist, nicht in jedem schlechten Jahr gezwungen zu sein, Aktien-ETF-Anteile zu verkaufen. Je niedriger deine Entnahmequote, desto einfacher lässt sich dieser Puffer aufbauen.

Beispiel: 750.000 Euro Depot

Nehmen wir ein Depot von 750.000 Euro. Bei 4 Prozent wären das 30.000 Euro brutto pro Jahr, also 2.500 Euro brutto pro Monat. Bei 3 Prozent wären es 22.500 Euro brutto pro Jahr, also 1.875 Euro brutto pro Monat.

Mit der vereinfachten Steuerannahme aus oben bleiben bei 4 Prozent etwa 27.231 Euro netto pro Jahr, also rund 2.269 Euro netto pro Monat. Bei 3 Prozent bleiben etwa 20.423 Euro netto pro Jahr, also rund 1.702 Euro netto pro Monat.

Der Unterschied ist spürbar. 4 Prozent können eine kleine Wohnung, Lebenshaltung und Versicherungen vielleicht tragen. 3 Prozent sind eher Zusatzrente oder Teilzeitbrücke. Dafür ist die defensive Variante deutlich robuster.

Beispiel: 1.500.000 Euro Depot

Bei 1.500.000 Euro sieht die Welt anders aus. 4 Prozent ergeben 60.000 Euro brutto pro Jahr. Unter der vereinfachten Steuerannahme bleiben rund 54.461 Euro netto, also etwa 4.538 Euro pro Monat. 3 Prozent ergeben 45.000 Euro brutto, netto rund 40.846 Euro oder 3.404 Euro pro Monat.

Beide Varianten können realistisch sein. Die Frage ist nicht mehr nur „reicht es?“, sondern „wie viel Risiko willst du für zusätzlichen Konsum eingehen?“ Wer mit 3.400 Euro netto gut leben kann, kauft sich mit der 3-Prozent-Regel viel Sicherheitsabstand. Wer 4.500 Euro braucht, muss entweder mehr Risiko akzeptieren, länger sparen oder zusätzliche Einnahmen einplanen.

Ansparphase: Die Entnahmequote entscheidet über dein Sparziel

Wenn du noch nicht am Ziel bist, solltest du die Entnahmequote schon heute kennen. Sie bestimmt, ob dein Zieldepot realistisch ist.

Beispiel: Du möchtest später 3.000 Euro netto pro Monat aus dem Depot. Unter der vereinfachten Steuerannahme brauchst du rund 39.661 Euro brutto pro Jahr. Bei 4 Prozent entspricht das etwa 992.000 Euro Depot. Bei 3 Prozent sind es rund 1.322.000 Euro.

Der Abstand von rund 330.000 Euro ist kein Detail. Bei 500 Euro monatlicher Sparrate und 8 Prozent historischer Rendite brauchst du viele zusätzliche Jahre, um diese Lücke zu schließen. Deshalb ist es besser, früh ehrlich zu rechnen, statt kurz vor Rentenbeginn überrascht zu werden.

👉 Rechner-Tipp: Spiele im ETF-Sparplan-Rechner mehrere Varianten durch: 300 Euro, 500 Euro, 800 Euro Sparrate; 20, 25 und 30 Jahre Laufzeit; 7 und 8 Prozent historische Renditeannahme. Danach prüfst du, ob dein Endkapital eher zu 3 Prozent oder 4 Prozent Entnahme passt.

Häufiger Fehler: Entnahmequote mit Rendite verwechseln

Manche Anleger sagen: „Wenn Aktien langfristig 7 bis 8 Prozent bringen, kann ich doch 5 Prozent entnehmen.“ Das ist gefährlich. Durchschnittsrendite ist nicht planbare Jahresrendite. Aktienmärkte schwanken, Inflation schwankt, Steuern fallen unregelmäßig an und schlechte Startjahre können den Plan stark belasten.

Eine Entnahmequote muss niedriger sein als die erwartete Rendite, weil sie Unsicherheit, Inflation, Steuern, Kosten und Verkaufszeitpunkte berücksichtigen muss. 4 Prozent sind deshalb nicht „pessimistisch“, sondern bereits eine anspruchsvolle Annahme. 3 Prozent sind nicht „übertrieben ängstlich“, sondern eine bewusste Sicherheitsmarge.

Steuer-Detail: Vorabpauschale und Freistellungsauftrag nicht vergessen

Bei thesaurierenden ETFs kann zusätzlich zur Verkaufsteuer die Vorabpauschale eine Rolle spielen. Für 2026 gilt ein Basiszins von 3,20 %. Die vereinfachte Formel lautet: Basisertrag = Fondswert zu Jahresanfang × 0,70 × Basiszins; die Vorabpauschale ist der kleinere Wert aus Basisertrag und tatsächlichem Wertzuwachs. Steuerpflichtig ist nur ein positiver Betrag nach Abzug eines anteiligen Freistellungsauftrags. Für deinen Entnahmeplan heißt das: Plane nicht nur Verkäufe, sondern auch laufende Steuerereignisse mit ein. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person kann helfen, ersetzt aber bei größeren Depots keine echte Steuerreserve.

FAQ

Ist die 4-Prozent-Regel in Deutschland gültig?

Sie ist in Deutschland keine Garantie. Sie kann als grobe Orientierung dienen, muss aber an Steuern, Produktkosten, Währung, Portfolio-Mix und persönliche Flexibilität angepasst werden. Besonders wichtig ist, Netto-Bedarf und Steuerwirkung zu rechnen.

Soll ich immer 3 Prozent nehmen?

Nein. 3 Prozent sind sinnvoll, wenn du sehr lange entnehmen willst, wenig Ausgabenflexibilität hast oder besonders sicher planen möchtest. Wenn du später gesetzliche Rente, Betriebsrente oder Mieteinnahmen bekommst, kann eine höhere Quote für einen begrenzten Zeitraum vertretbar sein.

Sind 4 Prozent zu riskant?

Nicht automatisch. Riskant wird es, wenn du die Regel starr anwendest, keine Puffer hast, in Crashjahren nicht reagieren willst und eine sehr lange Entnahmephase planst. Mit flexiblen Ausgaben und Liquiditätstopf kann 4 Prozent realistischer sein.

Wie rechne ich Steuern richtig ein?

Du musst zwischen Entnahmebetrag und steuerpflichtigem Gewinn unterscheiden. Bei Aktien-ETFs sind 30 Prozent der Erträge teilfreigestellt. Auf den steuerpflichtigen Teil fallen 26,375 Prozent Kapitalertragsteuer inklusive Solidaritätszuschlag an, gegebenenfalls plus Kirchensteuer. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person mindert steuerpflichtige Kapitalerträge.

Welche Quote ist für FIRE besser?

Für klassisches FIRE mit sehr langer Laufzeit ist 3 bis 3,5 Prozent oft realistischer als starre 4 Prozent. Für Barista-FIRE, Coast-FIRE oder Zusatzrente kann 4 Prozent funktionieren, weil nicht das gesamte Leben dauerhaft aus dem Depot finanziert werden muss.

Fazit: Nutze 3 Prozent als Sicherheitsziel und 4 Prozent als Stresstest

Die 3-Prozent-Regel und die 4-Prozent-Regel sind keine Gegner. Sie sind zwei Messpunkte. 4 Prozent zeigt dir, welches Zieldepot bei optimistischerer Planung nötig wäre. 3 Prozent zeigt dir, wie viel Sicherheitsabstand du für lange Laufzeiten, schlechte Startjahre und psychologische Ruhe brauchst.

Mein pragmatischer Vorschlag: Plane dein Muss-Budget eher mit 3 bis 3,5 Prozent. Prüfe dein Komfort-Budget mit 4 Prozent. Baue einen Liquiditätspuffer ein. Und überprüfe die Entnahme jedes Jahr neu, statt dich für 30 Jahre an eine starre Formel zu ketten.

Wenn du noch sparst, ist die wichtigste Frage nicht „3 oder 4 Prozent?“, sondern: Passt deine heutige Sparrate zu dem Depot, das deine spätere Entnahmequote verlangt? Genau dafür lohnt sich der regelmäßige Blick in den Rechner.

👉 Nächster Schritt: Berechne dein realistisches Zieldepot mit dem ETF-Sparplan-Rechner, nimm danach 3 Prozent und 4 Prozent als Bandbreite und entscheide, wie viel Sicherheitsabstand du wirklich möchtest.

Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung, Steuerberatung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Alle Berechnungen und Beispiele sind hypothetischer Natur und basieren auf vereinfachten Annahmen. Vergangene Renditen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse. Bitte konsultiere einen zugelassenen Finanz- oder Steuerberater für individuelle Entscheidungen.
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